Vom Suchen und Finden in Island – Ein Interview mit Tina Bauer

Max Burk, ein lieber Freund von mir, machte mich im Spätsommer auf eine junge Autorin und Journalistin aufmerksam, die er in einem seiner Islandurlaube kennengelernt hat. Beim Herder Verlag ist in diesem Jahr ihr erstes Buch mit dem Titel Ein Jahr in Island erschienen. Nachdem ich es gelesen hatte, wollte ich diese junge Dame, die so spannend über das kleine Land hoch im Norden erzählt, unbedingt persönlich kennenlernen. Auf der Frankfurter Buchmesse haben wir es dann geschafft: blogwaerts traf Tina Bauer…

blogwaerts: Wie schmeckt die Asche vom Vulkan, der die ganze Welt lahmlegte?

Tina: Staubtrocken! Und bitter für die isländischen Bauern im Süden der Insel, die wochenlang keine Sonne sahen und bis heute mit der Asche immer wieder mal zu kämpfen haben.

blogwaerts: Eigentlich gibt es in Island keine Sehenswürdigkeiten, wie wir sie aus Deutschland, Frankreich, Italien, etc. kennen. Gemeint sind Burgen, Kathedralen usw. Was ist der Reiz an Island als Urlaubsland?

Tina: Die einmalige, fantastische Natur mit natürlichen Hotspots, Gletschern und viel moosbewachsener Lavalandschaft sowie winterlichem Nordlichtzauber. Aber auch die Musik-, Kunst- und Literaturszene Reykjavíks mit großartigen Festivals ist das ganze Jahr über einen Besuch wert.

blogwaerts: Du sagst, dass Island kreativ sei. Wie meinst du das?

Tina: Das Land, die Insel machen kreativ – und auch die langen, dunklen Winter. Fast jeder Isländer macht Musik, schreibt ein Buch, strickt oder kunsthandwerkt. Ich habe das an mir selbst gemerkt: Die Natur inspiriert und die Einstellung der Isländer ermutigt einen dazu – ausprobieren, statt ewig abzuwägen und letztlich gar nichts zu wagen. Wir Deutschen denken oft zu viel und zu lange nach, statt etwas auszuprobieren, auch wenn es nicht gleich perfekt ist. Die Isländer machen drauf los – und das macht Spaß, selbst Neues auszuprobieren.

blogwaerts: Es ist das Land Deiner Kindheitsträume. Wovon hast du geträumt? Haben sich Deine Träume während der Zeit in Island erfüllt?

Tina: Ja, als kleines Mädchen habe ich wie so viele davon geträumt, auf einem Islandpferd am Meer entlang zu reiten. Inzwischen hat sich das erfüllt. Aber als ich vor vier Jahren das erste Mal in Island war, hatte ich ganz andere Träume: von einem weniger hektischen Alltag, davon Neues auszuprobieren – vor allem in Bezug auf meine journalistischen Themen und der Fotografie – , mich in der Fremde zurecht zu finden, das Leben zu genießen und nicht scheinbarer Sicherheit wie in Deutschland hinterher zu hetzen. Und ich bin glücklich, dass sich auch das alles erfüllt hat.

blogwaerts: In den isländischen Sagas sind skrupellose Figuren und skurrile Handlungen keine Seltenheit. Die Isländer pflegen selbst auch raue Umgangsformen, wie Du sagst. Wie hast Du das festgestellt?

Tina: Es ist mehr eine andere Art von Sitten, eine andere Etikette, die mir bis heute fremd sind. Die Isländer kennen beispielsweise keine Taschentücher, sondern ziehen immer und überall lautstark die Nase hoch. Und auch lautes Rülpsen ist an der Tagesordnung und wird nicht als unhöflich empfunden.

blogwaerts: Die Isländer schreiben wie die Wahnsinnigen. Bist du dort auf die isländische Literatur aufmerksam geworden oder hast du schon vorher isländische Autoren gelesen?

Tina: Ich habe vorher schon die Klassiker von Halldór Laxness gelesen – aber vor allem, weil es bisher fast die einzigen deutschen Übersetzungen waren. Ebenso wie Hallgrímur Helgasons „101 Reykjavík“ und „Rokland“ – sehr zu empfehlen mit seinem feinen isländischen Humor! Mit dem Buchmesse-Auftritt gibt es jetzt rund 200 neue deutsche Übersetzungen – und ich freue mich auf den Winter und viele tolle Island-Bücher!

blogwaerts: Hast du einen guten Lese-Tipp von einem isländischen Autoren?

Tina: Amüsant sind die „Bónus-Gedichte“ von Andri Snær Magnason aus der Billigsupermarktkette. Wer Reykjavík auf einem Literaturspaziergang entdecken will, dem lege ich „Reykjavík“ von Pétur Gunnarsson ans Herz, darin kommt man auf den Geschmack die isländischen Autoren zu lesen. Und Lyrik-Liebhaber sollten das Sammelbändchen „Isländische Lyrik“ lesen mit wunderschöner isländischer Poesie.

blogwaerts: Die isländische Sprache ist schwer zu lernen – so hört man immer wieder. Was zeichnet die isländische Sprache aus?

Tina: Ich glaube, die Isländer kokettieren ziemlich gerne damit, dass ihre Sprache so schwierig ist – dabei ist meine Erfahrung, dass sie sich sehr freuen und es wertschätzen, wenn man ihre Sprache lernt. Ungewohnt ist häufig die Aussprache, es gibt die für uns fremden Buchstaben ð, æ und þ. Besonders ist die Sprache in der Hinsicht, dass sie sich im Laufe der Zeit kaum verändert hat. Die Isländer legen großen Wert auf ihre Sprache, obwohl nur rund 320.000 Menschen und einige Ausländer sie sprechen. So gibt es eigene isländische Worte beispielsweise für Computer – obwohl die meisten Isländer fließend Englisch sprechen. Computer aber heißt auf Isländisch tölva, die Zahlenwahrsagerin, und email dann tölvupost.

blogwaerts: Was hat sich nach einem Jahr Island bei Dir geändert?

Tina: Insgesamt war ich ja länger als ein Jahr in Island, allerdings mit Unterbrechungen und Zeiten in Deutschland. So ist Island seit vier Jahren für mich ein Ort des Suchen und Findens. Und gefunden habe ich eine zweite Heimat, viele neue Freunde, und vor allem die Selbstsicherheit, dass vieles möglich ist, wenn man es nur anfängt und ausprobiert – auch wenn man sich manchmal durchbeißen muss. Ich bin gelassener, spontaner und flexibler geworden,  und sehe vieles nach dem isländischen Motto „þetta reddast“ – das wird schon.

Islandimpressionen by Tina Bauer

Tina Bauer: Ein Jahr in Island – Reise in den Alltag, Herder Verlag, 12,99€.

Näheres zu Tina Bauer auf ihrem Blog http://tibauna.de

Fotos von ihr gibt es unter www.iceland-photography.de

3 Antworten zu Vom Suchen und Finden in Island – Ein Interview mit Tina Bauer

  1. Danke für das Interview!

    Ich habe das Buch erst nach der Messe gelesen und kann es absolut empfehlen. Allen, die wieder Sehnsucht nach dieser besonderen Insel haben; aber auch allen, die noch nie dort waren und sich ein Bild von den Menschen und dem Leben rund ums Jahr machen möchten.

    Und jetzt werde ich auf deinem Blog weiter stöbern.

  2. Pingback: Vom Suchen und Finden – Antworten von mir im Interview auf blogwaerts | Tibauna

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